Was steckt hinter dieser unfassbaren Verschiebung der Hinzuverdienstgrenze für Rentnerinnen und Rentner nach oben? Mit dem sogenannten „Sozialschutz-Paket“ der Bundesregierung wurde beschlossen: Statt 6.300 Euro können jährlich vorübergehend 44.590 Euro ohne Abzüge auf die Rente hinzuverdient werden. Die Maßnahme lässt sehr stark vermuten, die Bundesregierung erwartet infolge der Coronakrise Personalengpässe in versorgungssensiblen Bereichen. Demnach sollen nun auch Ruheständler/ innen zusätzlich motiviert werden, eine Nebentätigkeit aufzunehmen.

 

Hinzuverdienst: „Kostet“ ab einer bestimmten Höhe einen Teil der Rente

Wer sich als Rentner oder Rentnerin seine gesetzliche Altersrente durch eine Nebentätigkeit aufbessern will, muss mit Abzügen bei der gesetzlichen Rente rechnen. Sobald eine bestimmte Hinzuverdienstgrenze überschritten wird, zahlt die gesetzliche Rentenversicherung nicht mehr die volle Altersrente aus, sondern nur noch eine sogenannte „Teilrente“. Der Grundstein für diese Regelung wurde 2017 mit dem so genannte Flexirentengesetz (FlexiG) gelegt. Mit diesem Gesetz wurde die monatliche Hinzuverdienstgrenze durch eine jährliche Hinzuverdienstgrenze ersetzt. Rentner und Rentnerinnen können nun flexibler mit ihrer Nebentätigkeit umgehen. Am Ende des Jahres wird abgerechnet. Eine Verbesserung für beide Seiten. Das Flexirentengesetz (FlexiG) hatte schon 2017 das Ziel, den Ruheständler/in zur Teilzeit zu motivieren. Die Diskussion, wieweit es vertretbar ist, den Rentner nach jahrzehntelanger Arbeit weiter arbeiten zulassen, damit er mit seiner schmalen Rente um die Runden kommt, möchte ich hier nicht vom Zaune brechen. Nur soviel, es gibt Berufe, die schwächen den Körper so sehr, dass zum Rentenbeginn eine weitere Tätigkeit nicht möglich ist. Auf der anderen Seite gibt es genauso Berufe, bei denen das Gegenteil der Fall ist. Und es gibt auch Rentner und Rentnerinnen, die gern weiter arbeiten. Also lass uns bei den Fakten bleiben. Zurück um Thema: seit 2017 gilt also eine jährliche Hinzuverdienstgrenze für den „Altersvollrentner“ 6.300 Euro pro Kalenderjahr.

Ab Hinzuverdienstgrenze: Abzüge von 40 Prozent

Diese 6.300 Euro sind insofern wichtig, als das bei Überschreitung dieses Zuverdienst normalerweise die Regeln des Paragraphen 34 aus dem Sechsten Sozialgesetzbuch (SGB VI) greifen. Was folgt, ist die Ingangsetzung eines zweistufiges Prüfverfahrens. Als erstes wird der Hinzuverdienst des Kalenderjahres wieder auf den Monat heruntergerechnet. Dann werden 40 Prozent der Beiträge, die besagte Hinzuverdienstgrenze überschreiten, von Vollrente abgezogen – und fertig ist die Teilrente. Von jedem Euro oberhalb der Hinzuverdienstgrenze bleiben den Rentnern und Rentnerinnen 0,60 Euro.

Ab Hinzuverdienstdeckel: Abzüge von 100 Prozent

Halt, halt, das war noch nicht alles. Wo denkst du hin? Weiter geht es:

Doch damit nicht genug. Denn der Gesetzgeber will zudem vermeiden, dass Altersrente plus Zuverdienst den Verdienst der letzten 15 Jahre vor Rentenbeginn überschreiten.  Im Arbeitsleben 2.500 Euro (brutto) verdient und jetzt 800 Euro Altersrente plus einen Fulltimejob mit weiterhin 2.500 Euro Arbeitseinkommen. Das ist nicht gewollt von seiten des Gesetzgebers. Deshalb wurde zusätzlich ein individueller Wert für den Hinzuverdienstdeckel berechnet. Hier gilt als Stichtag der 01.07. eines jeden Jahres. Als Erstes wird die gezahlte Altersrente des vergangenen Kalenderjahres auf den Monat heruntergerechnet. Dann erhält man die „Monatliche Bezugsgröße“ gemäß Paragraph 18 Abs. 1 SGB IV. Diese monatliche Bezugsgröße wird nun mit den höchsten Entgeltpunkten innerhalb eines Jahres, der in den letzten 15 Jahren erworben wurden, multipliziert. Dieser „Entgeltfaktor“ bildet dann den höchsten Verdienst der letzten 15 Jahre vor Rentenbeginn ab. Und das ist dann der Hinzuverdienstdeckel. Alle Arbeitseinkünfte, welche die Hinzuverdienstgrenze und auch den Hinzuverdienstdeckel überschreiten, werden zu 100 Prozent von der gesetzlichen Altersrente abgezogen. Wer darüber hinaus arbeitet, arbeitet im wahrsten Sinne des Wortes, um der der Arbeit willen und nicht des Geldes wegen.

„Sozialschutz-Paket“: Sonderregel mit Aussetzen des Deckels

Am 27. März 2020 hat der Bundestag das Sozialschutz-Paket verabschiedet.  Durch dieses Gesetz werden die bestehenden Regeln des Hinzuverdienstes zeitweise außer Kraft gesetzt. Und diesmal tatsächlich zum Vorteil der Rentner und Rentnerinnen. Eine unfassbare Anhebung der Hinzuverdienstgrenze um 38.290 Euro wurde beschlossen. Du liest richtig, 38.290 Euro pro Kalenderjahr! Addierst du nun die schon bestehende Hinzuverdienstgrenze von 6.300 Euro dazu, dürfen Rentner und Rentnerinnen nun 44.590 Euro hinzuverdienen OHNE eine Kürzung der Rente befürchten zu müssen. Nicht nur die Hinzuverdienstgrenze wurde außer Kraft gesetzt, auch der Hinzuverdienstdeckel findet keine Anwendung mehr. Durch einen neuen Absatz an Paragraph 302 SGB wurde dies möglich.

Alle Beiträge, die diese hohe Grenze von 44.590 Euro überschreiten, werden zudem mit 40% Prozent von der Vollrente abgezogen. Die 100 Prozentkürzung findet demnach gar keine Anwendung. Die Aufnahme einer Nebentätigkeit als Rentner ist durch dieses Gesetz um ein vielfaches attraktiver.

Sozial-Schutzpaket ist zeitlich begrenzt: Die Regelung gilt als Ausnahme und „Sonderfall“ während der Corona-Krise – Anwendung findet sie (auch rückwirkend) vom 01. Januar 2020 bis 31. Dezember 2020. Demnach ist zu erwarten, dass ab 2021 die alten Regeln wieder in Kraft treten.