Wie funktioniert die Erwerbsminderungsrente der Deutschen Rentenversicherung und was unterscheidet sie von der privaten Berufsunfähigkeitsrente? Wie wird sie berechnet, was haben Zurechnungszeit, Entgeltpunkte und Rentenwert für einen Einfluss auf die Höhe der Erwerbsminderungsrente? Am Ende dieses BLOG Beitrages wirst du in der Lage sein, deine eigene Erwerbsminderungsrente zu berechnen.

Definition

Wenn du aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeitsfähig bist, soll eine Rente wegen voller Erwerbsminderung dein Einkommen ersetzen. Kansst noch einige Stunden täglich arbeiten, ergänzt die Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung das Einkommen, das du selbst noch erzielst.

  • Teilweise Erwerbsminderung: Versicherte sind teilweise erwerbsgemindert, wenn sie wegen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit außerstande sind, unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes mindestens sechs Stunden täglich erwerbstätig zu sein.

 

  • Volle Erwerbsminderung: Versicherte sind voll erwerbsgemindert, wenn sie wegen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit außerstande sind, unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes mindestens drei Stunden täglich erwerbstätig zu sein. Voll erwerbsgemindert sind auch Versicherte, die wegen Art oder Schwere der Behinderung nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können, sowie Versicherte, die bereits vor Erfüllung der allgemeinen Wartezeit voll erwerbsgemindert waren, in der Zeit einer nicht erfolgreichen Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt.

 

Unterschied zur privaten Berufsunfähigkeitsversicherung

Zur Berufsunfähigkeit gibt es keine einheitliche Definition. Private Versicherungswirtschaft, Sozialversicherung und auch Versorgungswerke, die es für bestimmte Ingenieure, Rechtsanwälte, Steuerberater, Journalisten und Medientreibende sowie für Ärzte und Zahnärzte gibt, haben teilweise recht unterschiedliche Definitionen.

Für private Berufsunfähigkeitsversicherungen ist die Berufsunfähigkeit im Versicherungsvertragsgesetz (VVG) wie folgt definiert:

Berufsunfähig ist, wer seinen zuletzt ausgeübten Beruf, so wie er ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ausgestaltet war, infolge Krankheit, Körperverletzung, Unfall oder mehr als altersentsprechendem Kräfteverfall ganz oder teilweise voraussichtlich auf Dauer nicht mehr ausüben kann.

In diesem Zusammenhang wird oft die 50% Marke ins Feld geführt. Dabei ist das eigentlich nicht richtig. Genauer wäre es zu sagen, wenn aus den genannten Gründen kein vernünftiges Arbeitsergebnis mehr erzielt werden kann. Das kann auch schon bei weniger als 50% der Fall sein.

Was ist nun aber der genaue Unterschied?

  • Anzahl möglicher Stunden: bei der Erwerbsminderungsrente der deutschen Rentenversicherung wird geprüft ob du noch eine gewisse Stundenzahl pro tag arbeiten kannst. Die private Berufsunfähigkeitsversicherung tut das nicht.
  • teilweise und volle Erwerbsminderungsrente: die Deutsche Rentenversicherung untereilt in zwei Erwerbsminderungsrenten während die private Berufsunfähigkeitsversicherung das nicht tut.
  • abstrakte Verweisung: Um die Erwerbsminderungsrente zu halten darfst du in keinen Beruf mehr auf dem allgemeinen deutschen Arbeitsmarkt mehr einsatzfähig sein. Die private Berufsunfähigkeitsversicherung legt den bei Eintritt der Berufsunfähigkeit ausgeübten Beruf zu Grunde und prüft nicht ob ein Arbeitseinkommen in einem anderen Beruf erzielt werden kann.

Die Hürde liegt für die Erwerbsminderungsrente  um einiges höher als es bei der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung der Fall ist.

 

 

Welche Voraussetzungen müssen für die Erwerbsminderungsrente erfüllt sein?

Eine Erwerbsminderungsrente erhalten Erkrankte in der Regel nur, wenn für sie mindestens fünf Jahre (Wartezeit) in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt wurde. Außerdem müssen in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge liegen

 

Mit wie viel Erwerbsminderungsrente kannst du rechnen?

Die Höhe der Erwerbsminderungsrente hängt ähnlich wie die der Altersrente von der Anzahl der Versicherungsjahre und dem individuellen Einkommen ab. Du solltest aber nicht zu viel erwarten, denn die Rente beträgt oft deutlich weniger als ein Drittel des letzten Bruttogehalts.

Wer 2017 erstmals eine Erwerbsminderungsrente bezog, bekam der Deutschen Rentenversicherung zufolge durchschnittlich 716 Euro im Monat. Versicherte, denen eine volle Erwerbsminderungsrente zugesprochen wurde, erhielten im Schnitt 749 Euro. Neurentner mit teilweiser Erwerbsminderungsrente kamen hingegen nur auf 410 Euro. Wie hoch Ihre Erwerbsminderungsrente nach jetzigem Stand ausfallen würde, kannst du in der Renteninformation ablesen oder weiter unten selber berechnen. Die Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung erhält jedes Pflichtmitglied, wenn es das 27 Lebensjahr vollendet hat und mindestens 60 Monate Pflichtbeiträge in die Deutsche Rentenversicherung gezahlt hat.

 

 

Schauen wir uns jetzt mal die Faktoren an, die für die Höhe der Erwebsminderungsrente mit entscheidend sind:

Zurechnungszeit

Die Zurechnungszeiten im gesetzlichen Rentenrecht hat der Gesetzgeber deshalb eingeführt, um – teilweise extrem – niedrige Renten zu vermeiden, wenn bei den Renten wegen Erwerbsminderung die Krankheit oder Behinderung bzw. bei den Renten wegen Todes der Tod bereits sehr früh eintritt. Der Beginn der Zurechnungszeiten ist in § 59 Abs. 2 SGB VI geregelt.

Es wird die Zeit vom Eintritt der Erwerbsminderung bis zum 65 Lebensjahr plus 9 Monate mit den gleichen durchschnittlichen Entgeltpunken belegt, wie vor Eintritt der Erwerbsminderung. Dadurch kann sich gerade für junge Erwerbsminderungsrenter die Leistung spürbar erhöhen.

Rentenfaktor

Der Rentenartfaktor wird im § 67 Sechsten Buch Sozialgesetzbuch festgelegt. Er bewirkt unterschiedlichen Rentenhöhen trotz zum Teil gleicher Beitragsleistungen. So ist der Rentenfaktor für die reguläre Altersrente und auch für die volle Erwerbsminderungsrent mit 1 belegt, während die teilweise Erwerbsminderungsrente einen Rentenartfaktor von 0,5 ausweist. Ein Auflistung der einzelnen Rentenartfaktoren findest du hier.

Rentenwert

Der Rentenwert ist der in Euro ausgedrückte Wert eines Entgeltpunktes. Den kannst du nicht beeinflussen, denn den legt die Deutsche Rentenversicherung jedes Jahr neu fest. Für 2020 beträgt er 34,19 Euro. Er wird benötigt um die während des Erwerbslebens angesammelten Entgeltpunkt in eine auszahlbaren Rente umzurechnen.

Die gesetzliche Definition des aktuellen Rentenwerts ergibt sich aus § 68 Sechstes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VI).

Entgeltpunkte

Die Entgeltpunkte kannst du durch die Höhe deines Bruttoeinkommens selber beeinflussen. Der Entgeltpunkt ist der Dreh- und Angelpunkt für alle Rentenarten der gesetzlichen Rentenversicherung. Je höher also dein Bruttoeinkommens in einem Jahr ist, um so mehr Entgeltpunkte erhältst du. Um einen Entgeltpunkt pro Jahr zu erhalten, ist eine Jahresbruttoeinkommen von 40 551 Euro nötig.

Du kannst jedoch nicht unbegrenzt Entgeltpunkte pro Jahr erhalten. Bei 2,04 Entgeltpunkten ist Schluss.Die Beitragsbemessungsgrenze liegt 2020 bei 82.800 Euro. Wenn du also über der Beitragsbemessungsgrenze verdienst, ist deine Versorgungslücke im Verhältnis höher als bei Personen die drunter liegen.

 

Zugangsfaktor

Der letzte Indikator zur Berechnung ist der Zugangsfaktor. Der Zugangsfaktor ist böse. Warum, weil er deine Erwerbsminderungsrente kürzt. Weiter oben habe ich dir die Zurechnungszeit erklärt. Die wird bis zum 65 Lebensjahr plus 9 Monate gewährt. Für jeden Monat, den du aber früher als mit 67 in Altersrente gehst, werden dir 0,3% deiner Rente abgezogen. das besagt der Zugangsfaktor und darum ist er böse.

Es gibt auch beim Zugansfaktor eine Deckelung. Bei 10,8% Kürzung ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Und genau diese 10,8% schlagen bei der Berechnung der Erwerbsminderungsrente zu Buche.

Jetzt können wir also an einem Beispiel die Erwerbsminderungsrente berechnen.

Berechnungsbeispiel

Du braucht deine Entgeltpunkte, die du erreichst hast bis zum Eintritt der Erwerbsminderung.

Die teilst du durch die die Gesamt-Monate, in denen Du Beiträge gezahlt hast. Im unserm Beispiel 10 Jahre = 120 Monate. Dann musst du die erreichten Entgeltpunkte durch die Monate teilen. Du erhältst also 0,083 Entgeltpunkte pro Monat.

Jetzt kommt die Zurechnungszeit in Monaten. Also die Zeit bis 65 plus 9 Monate. In unserer Berechnung sind das 429 Monate. Jetzt musst du die durchschnittlichen monatlichen Entgeltpunkt mit den 429 Monate multiplizieren. Das ergibt dann 35,7573 Entgeltpunkte für die Zurechnungszeit.

Du addierst die 10 erarbeiteten Entgeltpunkte mit denen der Zurechnungszeit und kommst auf 45,7357 Gesamtentgeltpunkte.

Jetzt die 19,8% Zugangsfaktor abziehen. Das Ergebnis multiplizierst du mit dem Rentenfaktor 1.

Nun noch mit dem Rentenwert 34,19 multiplizieren und jetzt hast du deine monatliche Brutto-Erwerbsminderungsrente von 1.394,82 Euro.

Im Leben sind zwei Dinge gewiss, der Tod und die Steuer. Auch auf die Erwerbsminderungsrente darfst Steuern zahlen. Krankenversicherungsbeiträge werden ebenfalls abgezogen.

Dan stehen zur Auszahlung monatlich 1.193,74€ Netto Erwerbsminderungsrente bereit.

Möchtest du die teilweise Erwerbsminderungsrente errechnen, dann setzt du als Rentenartfaktor 0,5 ein.

Vergleicht man Netto Arbeitseinkommen mit Netto Erwerbsminderungsrente, ergibt sich eine Diskrepanz von knapp 1.000 Euro

Hinzuverdienst

Rente wegen voller Erwerbsminderung: Wer eine volle Erwerbsminderungsrente bekommt, für den gilt eine feststehende Hinzuverdienstgrenze. Sie beträgt 6.300 Euro im Kalenderjahr. Das entspricht den bisher geltenden Regelungen, wonach ein monatlicher Hinzuverdienst von 450 Euro immer möglich war und zusätzlich dieser Betrag zwei Mal pro Jahr überschritten werden durfte, also 14× 450 Euro. „Wer die jährliche Hinzuverdienstgrenze von 6.300 Euro jedoch überschreitet, bei dem wird der darüber liegende Betrag durch zwölf geteilt. Davon werden 40 Prozent auf die Rente angerechnet“.

Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung: Auch bei teilweiser Erwerbsminderung gilt eine jährliche Hinzuverdienstgrenze, die grundsätzlich individuell berechnet werden muss. Sie orientiert sich laut Rentenversicherung an dem höchsten beitragspflichtigen Jahreseinkommen der letzten 15 Jahre. Mindestens lag sie im Jahr 2019 bei 15.138,90 Euro jährlich. Mit dieser Grenze wird der Hinzuverdienst verglichen. Liegt er darüber, wird der darüberlegende Betrag durch zwölf geteilt. Davon werden 40% auf die Rente angerechnet. Hierbei gilt der Hinzuverdienstdeckel Obergrenze.

 

Wie wird die Erwerbsminderungsrente beantragt?

Auch eine Rente wegen Erwerbsminderung muss beantragt werden. Die dafür notwendigen Antragsformulare sind auf der Internetseite der Deutschen Rentenversicherung zu finden. Sie liegen auch in den bundesweiten Auskunfts- und Beratungsstellen aus. Hier kannst du dich auch ausführlich zum Thema vor Ort beraten lassen. Die Krankenkasse kann dich auch auffordern, einen Reha-Antrag zu stellen. Dieser Aufforderung musst du nachkommen. Wenn jedoch für eine Reha-Maßnahme keine Erfolgsprognose besteht oder du nicht rehafähig bist oder nach der durchgeführten Reha weiterhin Arbeitsunfähigkeit vorliegt, kann der Reha-Antrag in einen Rentenantrag umgedeutet werden.

Und wenn der Antrag abgelehnt wird? In jedem Ablehnungsbescheid steht eine Begründung, entweder gibt es medizinische Gründe oder die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen sind nicht erfüllt. Innerhalb eines Monats kannst du dann einen Widerspruch einlegen. Dieser musst du aber genau begründen, warum beispielsweise ein Anspruch auf die Rente besteht. Der Antrag auf Erwerbsminderungsrente wird erneut geprüft und es ergeht ein neuer Bescheid, der sogenannte Widerspruchsbescheid. Wenn du dann wieder eine Ablehnung bekommt, bleibt dir nur noch der Schritt zur Klage vor dem Sozialgericht

 

 

Zwei grundlegende Probleme

  1. Die durchschnittlich gezahlte Erwerbsminderungsrente liegt nicht wie in unserem Berechnungsbeispiel bei knapp 1.200 Euro. Nein, sie liegt etwas über 700€. Das Gute ist, die Steuer entfällt. Aber du bist eine Fall fürs Sozialamt.
  2. Die Erwerbsminderungsrente überhaupt zu bekommen ist sehr schwierig. Durch die abstrakte Verweisung, kommen sehr oft nur extreme Härtefälle in den „Genuss“ der Erwerbsminderungsrente.

 

Expertentipp

Wenn du sicherstellen möchtest, das du bei Wegfall deines Arbeitseinkommens durch Krankheit, Verletzung, Unfall oder mehr als altersbedingten Kräfteverfall alle deine Ausgaben decken kannst, dann

  • schließe eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab,
  • schließe sie in Höhe deiner monatlichen Ausgaben ab,
  • beziehe die Erwerbsminderungsrente in die Berechnung NICHT mit ein!

Wenn du dann wider erwarten Erwerbsminderungsrente und private Berufsunfähigkeitsrente gleichzeitig zusammen erhältst, dann  wird private Berufsunfähigkeitsrente wird nicht auf eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente angerechnet. Im Gesetz steht, dass nur Arbeitseinkommen und Arbeitsentgelt an die Erwerbsminderungsrente anzurechnen sind. Die Leistungen aus einer privaten BU-Rente zählen nicht dazu.